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Aussenminister Fischer feiert 50 Jahre Deutsch-Amerikanisches Fulbright Programm

German Foreign Minister Joschka Fischer gave the following speech about the significance and purpose of the Fulbright Program. Emphasis is added by the Atlantic Review.
 

For an English version of his speech click here.
 
 

"50 Jahre Deutsch-Amerikanisches Fulbright-Programm" - Rede von Bundesaußenminister Joschka Fischer, 12. März 2002
 

Liebe Fulbright-Stipendiaten,
Sehr geehrte Frau Mayor Fulbright,
Herr Botschafter,
Mrs. Harrison,
Ms. Yang,
liebe Gäste,
 

ich freue mich sehr, Sie heute hier im Weltsaal des Auswärtigen Amtes begrüßen zu können. 50 Jahre Deutsch-Amerikanisches Fulbright-Programm - das ist ein stolzes Jubiläum. Es ist ein guter Anlass, an den Mann zu erinnern, der es ins Leben gerufen hat und an die Ziele, die er dabei im Auge hatte. Es ist auch ein guter Anlass, um über das nachzudenken, was Amerikaner und Deutsche verbindet, was uns trennt - und was wir tun können, um unseren gemeinsamen Idealen durch gemeinsames Handeln näherzukommen.
 

Selten war die emotionale Verbundenheit zwischen Amerikanern und Deutschen spürbarer als bei der großen Kundgebung am Brandenburger Tor am 14. September letzten Jahres, drei Tage nach den furchtbaren Anschlägen, die die Welt erschüttert haben. In jenen Tagen waren die Stipendiaten unter Ihnen gerade in Deutschland angekommen: Wir sind froh, dass Sie gekommen sind – vor allem aber sind wir froh, dass Sie trotzdem geblieben sind. Denn der Gesprächsfaden zwischen Deutschland und Amerika, den auch Sie verkörpern, ist in diesem Jahr besonders wichtig und wertvoll. Sosehr wir nach den mörderischen Anschlägen mit den Menschen Amerikas fühlen, sosehr dieser internationale Terrorismus auch unsere freie Gesellschaft bedroht - die Stimmungslage diesseits und jenseits des Atlantik ist nicht identisch. Es ist wichtig, diese unterschiedliche Stimmungen und Erwartungen kennenzulernen, zu verstehen und auch zu kommunizieren. Dazu braucht es allerdings über Politiker und Beamte hinaus auf beiden Seiten Menschen, die gewissermaßen als "Übersetzer" arbeiten. Menschen, die in der Lage sind, die Welt mit den Augen von der anderen Seite des Atlantiks zu sehen. Diese Rolle hat William Fulbright Ihnen zugedacht, den mittlerweile 30.000 deutschen und amerikanischen Stipendiaten seit Gründung des deutsch-amerikanischen Fulbright-Programms.
 

Niemand hat den Gedanken des internationalen Austauschs besser umschrieben als J. William Fulbright selbst:
 

"The essence of intercultural education is the acquisition of empathy - the ability to see the world as others see it and to allow for the possibility that others may see something we have failed to see or may see it more accurately."

Darin steckt keine unangebrachte Euphorie über plötzlich grenzenlose Toleranz, sondern ein nüchterner Optimismus, dass die Chance, die Welt besser zu verstehen, sie tatsächlich Stück für Stück verbessern mag.

In den Anfängen des Programms in den frühen 50er Jahren, als die Stipendiaten den Atlantik noch per Schiff überquerten, prägte Amerika die politische, aber auch intellektuelle und emotionale Westbindung der jungen Bundesrepublik Deutschland nach den furchtbaren Verirrungen und Verbrechen der Nazizeit. Über die Jahre ist daraus eine echte Partnerschaft gewachsen, die beide Seiten bereichert. Der kulturelle, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Austausch zwischen unseren Ländern war nie intensiver als heute. Gleichzeitig ist die amerikanische Präsenz in Europa und die enge Bindung zwischen unseren Kontinenten gerade für Deutschland auch in Zukunft unverzichtbar.
 

J. William Fulbright steht beispielhaft für die Tradition dieses international engagierten Amerika - von seinen Impulsen zur Gründung der Vereinten Nationen bis zum Austauschprogramm, das seinen Namen trägt, und auf das er sein Leben lang mit gutem Recht besonders stolz war. Er wurde geprägt durch seine Jahre als Rhodes scholar in Oxford und durch seine ausgedehnten Reisen in Europa. Er war ein leidenschaftlicher Gegner des Vietnamkriegs und kritisierte in seinem wohl bekanntesten Buch "The Arrogance of Power". Andererseits war er geprägt durch seine Herkunft aus dem Süden der Vereinigten Staaten und manche seiner politischen Haltungen - etwa zur Rassentrennung und zum Civil Rights Movement - können wir heute nur schwer nachvollziehen.
 

Jeder von uns hat Wurzeln, die er nicht verleugnen kann und soll, die ihn auch begrenzen - und doch haben wir alle die Möglichkeit, über unseren Tellerrand hinauszuschauen und die Welt in ihrer ganzen Vielfalt, ihrem ganzen Reichtum, aber auch ihrer ganzen Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und unser Handeln danach auszurichten. Die bemerkenswerte persönliche und politische Biographie Senator Fulbrights, der sich in Europa nicht nur durch das Austauschprogramm, sondern gerade auch in seinen langen Jahren als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des US-Senats großen Respekt und Anerkennung erwarb, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was ein Einzelner mit seinen Ideen zu erreichen und zu verändern vermag.
 

Dieses Jahr in Deutschland wird auch Ihre individuellen Biographien prägen - ich hoffe, positiv. Es wird Ihnen neue Erfahrungen bieten, neue Möglichkeiten, vielleicht auch Jobchancen eröffnen. Sie alle zusammen aber, mit den Ehemaligen und den künftigen Stipendiaten, bilden ein Netzwerk, das die Verbindungen über den Atlantik immer intensiver und reißfester macht.
 

In einer Zeit, in der angesichts neuer Bedrohungen alte Bindungen und Politiken auf den Prüfstand gestellt und neu geordnet werden, ist die Investition in solche Netzwerke unverzichtbar. Die Bundesregierung hat deshalb zum Jubiläum die Förderung des deutsch-amerikanischen Fulbright-Programms über Sonderstipendien noch einmal ausgebaut und wird dies - wenn irgend möglich – auch künftig tun.
 

Meine Damen und Herren,
 

Sie sind Zeugen einer spannenden Zeit auch in der Geschichte Europas: Europa muss seine eigene Stärke finden und entwickeln, um Amerika ein wirklicher Partner sein zu können. Es muss den Weg der europäischen Einigung entschlossen weitergehen, den es Dank Amerikas fortdauernder Präsenz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über fünf Jahrzehnte beschritten hat. Seit dem 1. Januar dieses Jahres hat das sich einigende Europa eine gemeinsame Währung - den Euro. Sie alle haben die reibungslose Umstellung erlebt.
 

Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, die sich selbst auch die notwendigen Mittel für zivile und militärische Krisenbewältigung gibt, eine gemeinsame Innen- und Justizpolitik, und demokratisch legitimierte Institutionen, die auch das Europa der 25 und mehr Mitgliedstaaten von morgen handlungsfähig machen, müssen hinzukommen. Vor zehn Tagen trat in Brüssel der Konvent zur Reform der Europäischen Union zusammen - und das Wall Street Journal titelte: Is this Europe's Philadelphia?
 

Es ist nicht leicht, dieses einzigartige Experiment der europäischen Nationalstaaten zu verstehen, die aufgrund ihrer langen, blutigen Geschichte ihre Konflikte überwinden, ihre Kräfte bündeln und doch ihre kulturellen Wurzeln bewahren wollen. Sie aber können diesen Prozess in diesem Jahr aus der Nähe beobachten, Sie können die Debatten verfolgen und Sie können Ihre eigenen Vergleiche anstellen. Das Europa von heute gleicht kaum den dreizehn amerikanischen Staaten, deren Delegierte sich 1787 in Philadelphia trafen. Aber die entscheidenden Fragen nach der richtigen Balance zwischen großen und kleinen Mitgliedstaaten, zwischen europäischer und nationalstaatlicher Ebene, ähneln durchaus der Herausforderung von Philadelphia. Der Konvent kann auf dem Weg zu einer Europäischen Verfassung eine bedeutende Rolle spielen.
 

Wenn Europa dieser Wurf gelingt, wird es Amerika über das große Projekt einer dauerhaften Friedensordnung auf dem europäischen Kontinent hinaus ein wirklicher Partner sein. Globale Herausforderungen für diese Partnerschaft gibt es überreichlich.
 

Meine Damen und Herren, liebe Stipendiaten,
 

nehmen Sie mit zurück nach Amerika, was Sie in Deutschland und Europa gesehen, erlebt und erfahren haben. Vor allem aber: bleiben Sie mit Deutschen und Europäern im Gespräch, wenn Sie wieder in Amerika sind. Die Herausforderungen der globalisierten Welt werden wir nur gemeinsam bestehen können. Auf die Bilanz der letzten 50 Jahre können wir gemeinsam stolz sein - ebenso wie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fulbright-Programms. Aber es bleibt für die kommende Generation viel zu tun. Dafür wünsche ich Ihnen persönlich alles Gute und viel Erfolg!
 

Es gilt das gesprochene Wort!

Erschienen: 12.03.2002

 
Quelle:
Auswärtiges Amt

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